“Schuld ist Aserbaidschan, verantwortlich Russland”


Seit mehr als zwei Wochen ist Bergkarabach bereits von der Außenwelt abgeschnitten – mit verheerenden Folgen. Im Fokus steht auch der Kreml.Zu wenig Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff. In Bergkarabach droht 120.000 Menschen eine humanitäre Katastrophe. Die Region gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, wird aber hauptsächlich von Armeniern bewohnt. Aserbaidschan blockiert mit dem Latschin-Korridor die einzige Verbindung Bergkarabachs zu Armenien – und damit zur Außenwelt. Eine Lösung ist nicht in Sicht.Nelli Aghayan ist Ärztin in Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert. “Es sind schon Menschen wegen der Blockade gestorben”, sagt sie im Gespräch mit t-online. Normalerweise würden Schwerstkranke in die armenische Hauptstadt Eriwan gebracht, um dort behandelt zu werden. Das geht nun nicht mehr – nur eine einstellige Zahl an Patienten konnte unter Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes nach Armenien transportiert werden.Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs bekämen kaum noch Medikamente in den Apotheken. Auch für Herzoperationen fehlten Arzneimittel. (Quelle: Nelli Aghayan)

Nelli Aghayan

ist Ärztin am Republikanischen Medizinischen Zentrum in der Hauptstadt Bergkarabachs, Stepakanert. Die 44-Jährige spricht Deutsch und war bereits mehrfach für Hospitanzen an deutschen Krankenhäusern zu Gast.Seit dem 12. Dezember dauert die Blockade nun schon. Vermeintliche Umweltaktivisten aus Aserbaidschan versperren die Straße, die für die Versorgung der Region so essenziell ist. Ihr Vorwurf: In zwei Minen in Bergkarabach werde illegaler Bergbau betrieben.

“Aserbaidschan schert sich nicht um Umweltfragen”

Der Südkaukasus-Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik glaubt daran nicht. “Aserbaidschan schert sich bisher auf dem von ihm kontrollierten Staatsgebiet überhaupt nicht um Umweltfragen. Und das soll in diesem Fall nun plötzlich anders sein?” Für ihn ist klar: Es handelt sich um einen Vorwand. “Schaut man sich an, wie sich diese Personen bewegen und wie sie agieren, ist offensichtlich, dass das keine Umweltaktivisten sind, sondern Personen mit militärischer Ausbildung”, sagt er t-online.Dass es überhaupt zu der Blockade gekommen ist, lasten die Armenier auch Russland an – der vermeintlichen Schutzmacht. Die Region Bergkarabach ist eine der am stärksten umkämpften der Neuzeit. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der letzte Krieg dauerte 44 Tage und endete im November 2020 mit einem Abkommen für einen Waffenstillstand. Teil des Abkommens ist der nun blockierte Latschin-Korridor – und dessen Überwachung durch russische Friedenstruppen.

Der Konflikt um Bergkarabach

Der Konflikt ist einer der ältesten der Neuzeit. Die Führung der Sowjetunion sprach das überwiegend armenisch bewohnte Gebiet 1921 Aserbaidschan zu. Dagegen gab es in Bergkarabach immer wieder Proteste, bis Ende der 1980er-Jahre ein blutiger Konflikt ausbrach, in den schließlich auch Armenien einstieg und gemeinsam mit der Armee Bergkarabachs die Region unter ihre Kontrolle brachte. 2020 startete Aserbaidschan eine Offensive, um die Region zurückzuerobern. Bergkarabach selbst bezeichnet sich als unabhängig, in einer UN-Resolution wurde das Gebiet bis zu einer endgültigen Lösung des Konflikts Aserbaidschan zugesprochen.”Schuld ist Aserbaidschan, aber verantwortlich ist Russland”, sagt deswegen Nelli Aghayan. Doch der Kreml hält sich zurück. Bei einem inoffiziellen Treffen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), einem Bündnis aus Ex-Sowjetstaaten, trafen der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev, der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan und der russische Präsident Wladimir Putin zwar für Gespräche zusammen. Öffentliche Ergebnisse gab es jedoch nicht.

“Putin will sich keine blutige Nase holen”

“Russland hat eigene Interessen, die nicht unbedingt mit den Interessen der Armenier oder der Aserbaidschaner überlappen”, erklärt Experte Meister. Putin wolle zwar ein zentraler Akteur in dem Konflikt bleiben – “weil er damit eine Machtressource hat”. Gleichzeitig hat sich Moskau jedoch der Türkei zugewandt, um Sanktionen aufgrund des Ukraine-Krieges zu umgehen – und in Ankara steht man klar aufseiten Aserbaidschans.Zudem nutzt Russland nicht zuletzt auch Aserbaidschan für seine ökonomischen Interessen. Es gehe auch um russisches Gas, so Meister, das möglicherweise über Aserbaidschan nach Europa fließe. Und um Transportkorridore, die Russland kontrollieren möchte. So sei Moskau offenbar bereit, Kompromisse zu machen, auf Kosten der Armenier. “Putin will sich keine blutige Nase holen zwischen diesen beiden Konfliktparteien, führt er doch einen anderen blutigen Krieg in der Ukraine”, sagt Meister. (Quelle: DGAP)

Stefan Meister

ist Leiter des Programms Internationale Ordnung und Demokratie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Zuvor leitete er zwei Jahre lang das Südkaukasus-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Tbilisi, Georgien. Meister studierte Politikwissenschaft und Osteuropäische Geschichte und ist Experte für Politik, die politische Ordnung und die Beziehungen der Staaten in Osteuropa, Russland und dem Südkaukasus.

“Es hat nicht für alle gereicht”

Die Leidtragenden sind die Menschen in Bergkarabach: “Die Läden sind leer”, berichtet Nelli Aghayan. Fleisch und Milchprodukte gebe es noch – aber keinen Käse. “Gestern gab es eine lange Schlange vor einem Geschäft, das Obst und Gemüse hatte. Aber es hat nicht für alle gereicht.” Auch Babynahrung sei knapp. Die meisten Lebensmittel wurden bisher aus Armenien importiert, rund 400 Tonnen Ware waren es vor der Blockade jeden Tag.Auch Treibstoff gebe es nun zu wenig, die Folge sei ein Verkehrschaos. In den ersten Tagen habe Aserbaidschan zudem das Gas abgedreht. Tausende Karabach-Armenier konnten nicht mehr heizen, erzählt die Ärztin. “Und das bei unter null Grad!”

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