Wladimir Putin droht eine Blamage


“Das russische Kommando nimmt die Bedrohung durch die ukrainische Gegenoffensive offenbar sehr ernst”, sagt Anton Muraveynyk, Leiter der analytischen Abteilung der ukrainischen NGO Come Back Alive, die das ukrainische Militär unterstützt. Anders sei die Verstärkung der russischen Flanke bei Cherson nicht zu erklären.”Der Feind ist gezwungen, seine Reserven aus der Region Donezk zu verlegen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es schwieriger für Russland sein wird, dort militärische Operationen durchzuführen und Donezk unter Kontrolle zu bringen”, so Muraveynyk im Gespräch mit t-online.Gleichzeitig sei nicht zu erwarten, dass eine massive Verlegung der gegnerischen Truppen die russischen Stellungen anderswo deutlich schwächen werde. Moskau habe genug Truppen, um die bereits eroberten Grenzen zu verteidigen, sagt Muraveynyk.

Ein Problem für die russische Propaganda

Die Einnahme von Cherson war ein wichtiger Sieg in der Anfangsphase des Krieges. Umso schwieriger würde es für den Kreml, eine mögliche Niederlage zu erklären: Der Verlust dieser Stadt kann die Propagandaerzählungen, dass der Krieg “nach Plan” verlaufe, zunichtemachen.Zuvor hatten die russischen Staatsmedien bereits erklären müssen, warum man den Norden der Ukraine und die Schlangeninsel im Schwarzen Meer verlassen hat. Letzteres stellte der Kreml als “Akt des guten Willens” dar. Aber diese Erklärung hat ihre Grenzen: Eine Niederlage in Cherson wird sich kaum als Teil eines höheren “russischen Plans” verkaufen lassen.Russland könnte sich daher unter Zugzwang sehen. Experten schließen nicht aus, dass die Russen als Erstes aus der Region Cherson in Richtung Mykolajiw zuschlagen werden. “Die Verlegung von Schocktruppen aus Donezk nach Cherson könnte darauf hindeuten, dass die Russen als Erste einen Gegenangriff starten werden”, glaubt der Analyst Muraveynyk. Allerdings werde dies umso schwieriger, je stärker ihre Nachschubwege attackiert werden.Muraveynyk geht daher eher von einem anderen Szenario aus: “Wenn Russland vor der Wahl steht, entweder die politisch wichtige Stadt Cherson oder die Wasserversorgung und den Landweg zur Krim zu verteidigen, wird es sich für Letzteres entscheiden.”War es bisher vor allem Russland, das die Marschrichtung des Kriegs vorgab, ist nun die Ukraine am Drücker. Die ukrainische Armee mag nicht über genügend Kräfte für eine groß angelegte Gegenoffensive verfügen, aber sie kann die russischen Truppen empfindlich schwächen. Indem sie russische Nachschublinien abschneidet und mit moderner Artillerie beschießt, kann sie den Gegner möglicherweise dazu zwingen, sich zurückzuziehen.Die Russen stehen trotz ihrer militärischen Überlegenheit nun vor einer schwierigen Entscheidung. Plötzlich liegt die Initiative bei der Ukraine. Die nächsten Wochen werden zeigen, wer in der Entscheidungsschlacht um Cherson die Oberhand behält.

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